Zukunftsmusik

Das Institut: Zukunftsmusik
(NLW / www.institut-schuster.de)

„Die Zukunft ist längst vorbei“, konstatiert Traude Capra im Opener
„Das Kraftwerk“, während Matthias Schuster an den Knöpfen seiner Vintage-Synthesizer von Vocoder bis Mini-Moog dreht. „Zukunftsmusik“ entsteht hier – paradox aber logisch – aus der Vergangenheit der Elektronika, als die noch analog und somit unsteril waren. Als es in Kiel noch die Tanzdiele und den „Elektronischen Dienstag“ gab, zelebrierte das Hamburger Duo dort so manchen Sonnenaufgang im Kabelwald, streng avantgardistisch und doch so seltsam elektropop-kompatibel wie jetzt auch die „Zukunftsmusik“ daherkommt. Die Stücke tragen schlichte Titel wie „Kernspintomographie“ oder „Restelektrizität“. Und nicht nur das erinnert an die Elektronik-Überväter Kraftwerk. Fünf Tracks, die Kraftwerk vergessen hat zu machen.

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Kuckucksei im Nest des Discobeats

„Das Institut“ massierte in der Schaubude Sphärisches mit harten Beats.

Mit „Esoterischem“ hatte ein Zuhörer gerechnet und ist nach dem Verhallen des letzten pumpenden Monsterbeats überrascht vom Disco-Appeal des „Instituts“ aus Hamburg. Ein Blick vor dem Gig auf den Tapeziertisch voller fremd anmutender Elektronik vom „Kaos-Pad“ bis zu den Antennen des Theremins ließ in der Schaubude in der Tat abgedrehte Kopfmusik erwarten. Ebenso die zierliche Gestalt Traude Capras, die zwischen den Geräten hin und her huscht, dass ihr 70er-Kunstpelzkragen ätherisch die Härchen sträubt.

Doch das Institut gibt sich ganz und gar unavantgardistisch, hüpft wie ein kecker Jack-in-the-Box aus den Schubladen, in denen man es dem ersten Anschein nach verortet. Matthias Schuster an Samplern und Reglern wirft gleich im ersten Stück den Sequenzer mit einer Geste an, als wäre dessen Startknopf der Anlasser eines Motorrads. Hier blubbert kein atonaler Äther, hier wird der Äther massiert, knochenhart krachend, schnarzend dreckig, aber immer mit jenem melodischen Faktor eines Elektro-Pops, dem schon Kraftwerk huldigten. Bis hin zur selbstironischen Parodie von „Let’s twist again“, von dem Traude hofft, es möge „zum Mittanzen anregen“. Tut es, und dass es dennoch keiner tut, liegt allein daran, dass die flirrigen Soundscapes zwischen den Beatzeilen dann doch zu ausbaldowert erscheinen, als dass man sie einfach zertanzen mag, statt ihnen interessiert nachzulauschen.

Das ist der unaufdringliche Knalleffekt der Institutsmusik: Dass man sie tanzen
könnte – ein Möglichkeitssinn, der nicht erst durch Taten bewiesen werden muss und deshalb das „Four to the floor“-Geklapper auch mit ruhigem Bein aber hellem Kopf zum Vergnügen macht. Das Institut arbeitet mit dem Schein und dessen sprichwörtlicher Schönheit, setzt das Sphärische von Capras Wortschöpfungen à la „Herzentomografie“ oder „Restelektrizität“ nebst schwindelnden Sirenentönen vom Theremin wie ein Kuckucksei ins Nest des Technodiscobeats.

Und weil der Schein als solcher erkennbar sein soll, verfremdet das Institut seine Klänge, namentlich Traudes Stimme, die auf der verschlungenen Reise durch Vocoder und Air-Synth mal zum aufgekratzten NDW-Girlie mutiert, mal Grace Jones’ düster-androgynes Timbre annimmt. Wie in „Summer wine“, dessen Blumenkinderlyrik mit einer gesamplete Westerngitarre plus Cowboypfiff so gegen den Strich gebürstet wird, dass erstaunlicherweise am Ende hübsch gestriegelter Discopop herauskommt.

Jörg Meyer